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Das gelungene Leben

Seit 2019 arbeite ich an einer Erzählung, die sich langsam zu einem Roman auswächst. „Das gelungene Leben“ erzählt von einer Frau um die 40, der sich in verschiedenen Begegnungen und Erlebnissen die titelgebende Frage stellt. Eingebettet ist die Handlung in den Verlauf einer Pandemie.

Es ist Samstag Morgen, sie sitzt in der Küche am Fenster. Der Himmel, von dem sie nur einen Streifen sieht, ist bedeckt und hat die gleiche cremeweiße Farbe wie die gegenüberliegende Hauswand: eine gleichmäßige, helle Fläche, die von Fenstern und Balkonen durchbrochen ist.

Im Erdgeschoss des Hauses gegenüber gibt es einen Getränke- und Gemüseladen. Der Besitzer trägt immer den gleichen weißen Kittel und hat gute Laune. Obwohl er über sechzig sein muss, bewegt er sich wie ein Ladenjunge, balanciert Gemüsekisten über die Straße oder Getränkekästen auf einem Handwagen in sein Geschäft hinein. Jeden Morgen fährt er die gammeligen Markisen über seinen mit unzähligen Biersorten vollgestellten Ladenfenstern aus. Er verwendet dazu einen langen Stab, den er geschickt in eine Halterung steckt, die in etwa drei Metern Höhe neben den aufgerollten Markisen angebracht ist, und dann fahren schnurrend die roten Stofflappen heraus. Sie sind bereits mehrfach eingerissen und haben schwarze Moderflecken. Löchrig, wie sie sind, bieten sie kaum Schutz vor dem Wetter, und sobald es anfängt zu regnen, trägt der Gemüsemann seine Kisten sowieso in den Laden hinein.

Ein Haus weiter lebt im ersten Stock eine Familie aus Ex-Jugoslawien. Die Frau ist ungefähr in ihrem Alter, hübsch, dunkelhaarig, seit der zweiten Schwangerschaft ist sie etwas füllig geworden. Täglich knüpft sie auf dem Balkon ein oder zwei Ladungen Wäsche auf den Ständer. Den Vater sieht man nur im Sommer und auch da nur an den Sonntagen. Er sitzt dann auf einem Stuhl und macht irgendetwas, was sie durch die Balkonbrüstung nicht sehen kann – oder nichts. Die beiden haben eine etwa zehnjährige Tochter, und vor einem Jahr ist ein zweites Kind dazugekommen. Es hat einen goldenen Lockenschopf und kann inzwischen laufen. Im Stehen reichen seine Locken knapp über die Balkonbrüstung. Nur wenn es hüpft, kann sie sein kleines Gesicht sehen.

Textprobe aus „Das gelungene Leben“ von Susanne Mi-Son Quester